Psychomotorik meets Körperpsychotherapie
„Psychomotorik meets Körperpsychotherapie“. Bericht über die Fachtagung am 15. und 16. Mai 2009 in Marburg.
Das Lehrteam Motologie unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Seewald hatte zu einer Tagung eingeladen, auf der die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Psychomotorik und Körperpsychotherapie sowie ihre akademische Vernetzung diskutiert werden sollten. Das Thema war wesentlich durch einen geplanten Studienschwerpunkt Körperpsychotherapie motiviert, der ab WS 2010 angeboten werden soll. Die Absolventen werden nach wie vor den Titel Motologe/in M.A. erhalten, jedoch mit dem Zusatz Körperpsychotherapie im Zeugnis. Die Diskussion dieses Projekts war von beiden Fachdiskursen mit viel Spannung erwartet worden, zumal es das erste seiner Art ist.
Die Fachtagung wurde mit einem Vortrag von Dr. David Boadella, dem Begründer der Biosynthese eröffnet. Ca. 100 Zuhörer hatten sich versammelt, um einen Pionier der Körperpsychotherapie live zu erleben. Der 78 jährige referierte auf Englisch zum Thema Traumatherapie und beeindruckte mit seiner Ausstrahlung und umfangreichen Erfahrung als Körperpsychotherapeut die Zuhörer, darunter viele Motologie- und Psychologiestudenten, die am Vortrag kostenlos teilnehmen durften.
Am nächsten Morgen eröffnete Prof. Dr. Seewald die fachliche Auseinandersetzung mit einer Vorstellung des geplanten Studienschwerpunktes KPT, sowie einer Erörterung der Gründe, welche die Motologie dazu bewogen hat, die psychotherapeutische Arbeit verstärkt in ihr Curriculum zu integrieren.
PD Dr. Ulfried Geuter gab in seinem Vortrag „Körperpsychotherapie - 50 Jahre nach Gindler und Reich“ einen Überblick über die derzeitige Lage der Körperpsychotherapie, und sprach sich deutlich für ihre Akademisierung aus. Prof. Dr. Amara Eckert, die als Professorin an der Fachhochschule Darmstadt bereits seit langem die Brücke zwischen den beiden Disziplinen begeht, thematisierte u.a. die auf den ersten Blick paradoxe Angst der Psychomotorik vor dem Körper und den Emotionen und forderte eine Ausbildung, in der Motologen und Psychomotoriker Dank ihrer Eigenerfahrung in der Lage sind, einen Raum für aufdeckendes Arbeiten zu halten. Prof. Dr. Wolfgang Milchs Beitrag bestätigte aus bindungstheoretischer und psychoanalytischer Perspektive ebendiese Forderung. Seine Ausführungen zur „Körperarbeit in der Psychosomatik“ hoben die essentielle Bedeutung der Spiegelung hervor, nach der ein Therapeut am eigenen Leibe erlebt haben muss, was er begleiten will.
Nach diesen sowohl anregenden als auch anspruchsvollen Beiträgen luden die Nachmittagsworkshops zum Erleben, Spielen und Entspannen ein. Amara Eckert gab eine Einführung in ihre Arbeit der „Körperenergetischen Psychomotorik“, Benajir Wolf bot parallel die Bewegungsmeditation „Kundalini“ an. Am frühen Abend trafen sich die Teilnehmer beider Workshops dann sichtlich entspannt zur Podiumsdiskussion wieder.
Dort saßen außer den Referenten des Tages auch die Vertreter beider Berufsverbände – Resi Seeberger-Wissing als Präsidiumsmitglied der DGfPM und des Europäischen Forums für Psychomotorik und Dr. Manfred Thielen von der Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie – sowie Benajir Wolf als eine der Hauptverantwortlichen für den zukünftigen Schwerpunkt Körperpsychotherapie.
Dr. Thielen begann mit Ausführungen zur berufspolitischen Situation der KPT und bekundete das große Interesse der DGK an einer universitären Verankerung der KPT. Ähnlich positiv äußerten sich auch alle anderen Podiumsteilnehmer zur Verbindung beider Fachdiskurse. Die Problematik der Selbsterfahrung im universitären Setting wurde in vielen Redebeiträgen aufgegriffen, und von Prof. Dr. Milch treffend benannt: „dass man vieles nur erkennt, wenn in uns etwas bewegt wird. Das ist immer ein intersubjektiver Prozess. Wenn bei uns nichts bewegt wird, bewegt sich auch im Patienten nichts.“ Im Podium herrschte Einvernehme darüber, dass Selbsterfahrung unbenotet bleiben muss, und möglichst von externen Lehrkräften angeleitet werden sollte, die nicht wie die Dozenten gleichzeitig Prüfer sind.
Resi Seeberger-Wissing gab zu Bedenken, ob bei der zunehmend therapeutischen Tendenz in der Psychomotorik nicht die pädagogische Ausrichtung der PM verloren gehe. Dazu bemerkte Amara Eckert, dass auch der Pädagoge dieses therapeutische Handwerkszeug sowohl für die immer schwieriger werdenden Klienten gut gebrauchen könne, als auch für seine eigene Psychohygiene.
Auch Dr. Boadella, der die gesamte Tagung am Samstag als Zuschauer mitverfolgt hatte, gab dem Projekt gute Ratschläge mit auf den Weg, und formulierte als Vision eine „gesunde Parallelität“, in der die PM den Umgang mit schwierigen Klienten und Situationen lerne, und die KPT von der Leichtigkeit der PM profitiere.
Die Beiträge der Fachtagung sollen in einem Schwerpunktheft Körperpsychotherapie (Motorik 2/ 2010) veröffentlicht werden.
Autorin: Benajir Wolf
Mitarbeiterin im Studiengang Motologie an der Universität Marburg